Leseprobe: Mattis und Matilda wandern aus

Mattis und Matilda wandern aus

Eine Kurzgeschichte aus dem Meer

Mattis war beunruhigt. Irgendetwas stimmte nicht in seiner Welt. Matilda wurde von Tag zu Tag blasser und auch ihre Nachbarinnen verloren immer mehr an Farbe. Außerdem war ihm zu warm. So sehr zu warm, dass er schon bei der kleinsten Bewegung ins Schwitzen geriet. Nun ja, „Schwitzen“ im übertragenen Sinne. Denn wirklich schwitzen ging natürlich nicht. Fische schwitzen nicht und Clownfische schon mal gar nicht.

„Seeanemonen auch nicht“, stimmte Matilda ihm zu. Matilda war Mattis’ Haus-Anemone. Sie lebten schon seit ewigen Zeiten in enger Vertrautheit zusammen. Deshalb, und nur deshalb, war ein Gespräch über dieses heikle Thema überhaupt möglich gewesen. Denn blass werden, das war für die sonst so farbenprächtigen Anemonen das Tabuthema schlechthin. „Blasser geworden?“, hatte Bernhardina ihn einmal angebellt, als er doch mal zaghaft die Sprache auf seine Beobachtung gebracht hatte. „Blasser geworden!!! Komm ja nie wieder in die Reichweite meiner Tentakel. Sonst vergess` ich mich. Dann gibt es Clownfisch zum Mittagessen!“

Mattis konnte die Anemonen gut verstehen. Auch für einen Clownfisch wäre Verblassen etwas ganz Schreckliches. Zum Glück waren jedoch keine Anzeichen dafür zu sehen. Er kontrollierte das jeden Morgen bei einem schnellen Blick auf die spiegelnden Schuppen eines Barracudas. Ein lebensgefährlicher Blick, denn bei Barracudas standen Clownfische durchaus auf dem Speiseplan. Aber Mattis war schnell und sofort nach seinem Kontrollblick wieder zwischen Matildas schützenden Armen verschwunden. Dort traute sich zum Glück kein Barracuda hinein, denn Matilda konnte bei Angriffen auf ihren Freund richtig giftig werden.

Mit seiner Matilda konnte Mattis über alles reden. Insbesondere am Abend, wenn sie sich nur noch faul und träge von der Strömung wiegen ließen, war ihre Zeit zum Plaudern. Und hin und wieder auch für die ernsten Themen. Für die, die peinlich waren oder bedrückend und über die man wirklich nur mit den allerbesten Freunden sprechen konnte. Wenn überhaupt.

Heute war es wieder ein besonders heißer Tag gewesen, und auch jetzt, wo die Sonne ganz tief stand und sich lange Schatten im Korallenriff gebildet hatten, war es noch unerträglich warm. Mattis hatte es sich zwischen seinen drei Lieblingstentakeln bequem gemacht und hörte Matilda mitfühlend zu, während sie über ihre Ängste sprach. „Mit jedem dieser heißen Tage werde ich schwächer“, klagte seine Freundin. „Und mit jedem dieser Tage verliere ich ein wenig mehr an Farbe, wie mir scheint. Und findest du nicht auch, dass das Wasser jeden Tag ein bisschen saurer schmeckt? Und dass der Weg nach oben immer weiter wird? Und die Nahrung immer knapper! Was ist nur los mit unserer Welt?“

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