Leseprobe Marie-Lu

Marie und Lu: Das Geheimnis der Weihnachts-Kapelle

Lu

Noch fünf Tage bis Weihnachten. Heute Morgen haben wir Ferien bekommen und zum ersten Mal werden wir Heiligabend nicht zuhause sein. Wir verreisen! In die Berge! Das ist schade, weil wir dann keinen Weihnachtsbaum haben und auch sonst alles gar nicht so ist wie sonst. Aber es ist auch toll, weil meine beste Freundin Marie auch in den Winterurlaub fährt und weil…

Ach so, Entschuldigung, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Also: Hallo, ich bin Lu. Eigentlich Marie-Lu, aber so nennt mich hier niemand. Schon deshalb nicht, weil meine beste Freundin Marie heißt. So sind wir zusammen Marie-Lu. Das ist viel besser. Unzertrennbar! Das meinen auch unsere Eltern. Wenn sie uns rufen, geht das ganz fix: „Marie-Lu“, und schon sind wir beide da.

Marie ist zwölf Jahre alt und schon seit acht Jahren meine allerbeste Freundin. Sie hat wunderschöne schwarze, lockige Haare, ist ein bisschen größer als ich, ganze vier Zentimeter, und so hübsch wie eine Filmschauspielerin. Sie ist auch kein bisschen dick (ich schon ein wenig), und manchmal bin ich ein bisschen neidisch auf ihr Aussehen. Aber meistens denke ich überhaupt gar nicht daran. Also, Marie wohnt am anderen Ende unserer Stadt. Wenn ich sie besuchen will, brauche ich ungefähr 15 Minuten mit dem Fahrrad, wenn ich zu ihr hinfahre, und 10 Minuten für den Rückweg. Dann geht es nämlich bergab.

 Marie

Für mich ist es natürlich genau umgekehrt, wenn ich Lu besuche. Am liebsten bleib ich aber gleich über Nacht bei ihr. Sie ist einfach die Beste. Immer gut drauf, hat immer eine Idee, was wir machen können, weiß immer einen Ausweg und ist total nett.

Ihr Aussehen? Echt hübsch: Rotes Haar, Sommersprossen auf der Nase, lustige Grübchen. Sie meint, sie wär’ zu dick. Ist sie aber überhaupt gar nicht. Nur nicht ganz so klapperdürr wie ein paar Mädchen aus unserer Klasse. Oh, stimmt, das hatte ich noch gar nicht gesagt: Wir gehen beide in derselben Schule in die Sechste.

So, nun müssen wir aber auch los. Heute war der letzte Schultag und morgen wollen wir in die Ferien fahren. In die Berge. Leider nicht zusammen, aber immerhin in denselben Ort.

Lu

Maries Eltern wollten unbedingt auf einen Öko-Bauernhof und meine wollten mal so richtig Luxus in einem Wellness-Hotel genießen. Da konnten sie sich einfach nicht einigen. Aber zumindest haben wir sie überredet, dass wir ganz nah beieinander sind. Zum Glück: Skiwandern wollten sie beide.

Marie

Skistiefel, Skihose, Skijacke, Skihandschuhe, Skisocken – wenn’s nach Papa geht, kommt nur in den Koffer, was mit „Ski“ anfängt.

„Pack nicht so viel ein, Marie“, sagt er bei fast allem, was ich in die Hand nehme. „Wir müssen dreimal umsteigen.“

Wenn’s nach mir gegangen wäre, wären wir eh mit dem Auto gefahren.

„Denk an die Eisbären!“, quakt Papa. „Bahnfahren ist besser. Wegen dem Klimawandel!“

Na gut, seh` ich ein. Und dass er nicht so schwer schleppen will, kann ich ja auch verstehen. Aber von wegen, das Top brauche ich im Skiurlaub ja eh nicht. Wenn Lu und ich in der Sonne vor der Skihütte liegen – da haben doch andere sogar nur einen Bikini an. Das hab ich mal in einem Film über Winterferien gesehen. Voll cool.

„Nee, voll kalt“, sagt Papa und grinst ganz breit wegen seinem Wortwitz.

Aber weil der Bikini und das Top kaum etwas wiegen, ist’s ihm am Ende dann doch einerlei. „Lu – ein Treffer für uns!“

Na klar haben wir abgesprochen, was wir beide dabeihaben wollen. Das Top ist Pflicht. Und die Jeans mit den Pailletten. Und das U-Boot-Hemd mit den kurzen Ärmeln. Skiunterwäsche? Naja, die sowieso. Da reden wir gar nicht erst drüber.

Unser Zug nach Hamburg geht kurz nach 20 Uhr. Da soll ich mich am Nachmittag noch mal hinlegen, weil ich ja später im Nachtzug nach München nicht genügend Schlaf bekomme, meint Mama. Zum Schlafen bin ich jetzt aber zu aufregt. Mama und Papa wollen sich auf jeden Fall noch mal hinlegen. Gut, ich kann ja auch ins Bett gehen und ein bisschen lesen.

Dann muss ich aber wohl doch eingeschlafen sein, denn als Mama mir den Rücken krault und flüstert „Komm, Marie, aufstehen!“, ist es draußen schon ganz dunkel und alle Koffer stehen fertig gepackt im Flur.

„Darf Kuschel mit, Mama?“, frage ich. Okay, er darf. Aber nur, wenn er noch in meinen Rucksack passt und ich selber auf ihn aufpasse.

„Mit zwölf Jahren noch mit Kuscheltier verreisen?“, muss Papa natürlich wieder frötzeln.

Aber Mama guckt ihn nur kurz giftig an und Kuschel und ich strafen ihn mit Schweigen. Kuschel ist mein kleiner Stoffhund und wir kennen uns schon seit wir geboren sind. Damals hatte er noch ganz flauschiges, lockiges Fell. Das weiß ich von alten Babyfotos. Heute ist er eher glattgekuschelt und hier und da sogar schon ein bisschen kahl. Wie Papa (hihi). Also ohne Kuschel in Urlaub fahren? Nicht dran zu denken. Ohne mich schläft er so schlecht.

„Das Taxi kommt gleich“, sagt Papa, und Mama rennt zum dritten Mal ganz aufgeregt durch die Wohnung und schaut, ob alle Kerzen aus, der Herd abgedreht, die Wasserhähne zu, die Kerzen aus, der Herd abgedreht…

Es klingelt. Das Taxi ist da. Papa wuchtet alle Koffer nach unten und in den Kofferraum. Der Fahrer guckt ein bisschen genervt und lässt ihn machen. Rüpel! Könnte ja auch mal mit anfassen. Tut er aber nicht. Na, hoffentlich gibt Papa dem am Ende nicht auch noch Trinkgeld.

Nee, tut er nicht, und vielleicht gibt der deswegen so viel Gas als er wegfährt, nachdem Papa alle Koffer auf den Fußweg vor dem Bahnhof gewuchtet hat.

„So, bis zum Bahnsteig zieht jetzt jeder seinen eigenen Koffer“, sagt Papa.

Das ist gar nicht so einfach, weil mein Koffer echt schwer geworden ist, obwohl ich nur das rote und das lila Top eingepackt habe und nicht auch noch das blaue und das weiße. Und der Koffer kippelt mal nach links und mal nach rechts und will gar nicht so recht geradeaus fahren.

„Du schaffst das schon“, sagt Papa.

Ja, und dann schaffe ich das auch. Die Treppe runter trägt er dann wieder unsere Koffer. Einzeln. Mama bleibt unten stehen und passt auf, ich oben. Und Papa wuchtet einen Koffer nach dem anderen zum Bahnsteig runter. Mama sagt zwar, wir könnten doch auch den Fahrstuhl nehmen, aber das will Papa irgendwie nicht.

„Ach die drei Mal rauf und runter“, grinst er und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Er schaut auf den Wagenstandsanzeiger, sagt „Hier stehen wir genau richtig“, und dann kommt auch schon der Nachtzug nach München.

Ganz genau richtig stehen wir aber doch nicht und so müssen wir mit den Koffern dann noch zwei Waggons weiter rennen – und meiner kippelt schon wieder so doof hin und her. Aber schließlich haben wir es geschafft, und unser Abteil finden wir auch gleich.

„Eins ganz für uns alleine“, sagt Papa ein bisschen stolz, weil das wohl nicht ganz billig war, aber Mama es unbedingt wollte.

Aber ein Klo ist nicht im Abteil und eine Dusche kann ich auch nirgendwo sehen.

„Das haben wir dann aber alles in unserer Ferienwohnung“, sagt Mama als der Zug anfährt. Der Schaffner zeigt uns, wie wir aus den Sitzen Liegen machen können und gibt uns Laken, um die Liegen dann später zu beziehen.

Ich muss unten schlafen – falls ich rausfalle. Weil ich mich nachts doch immer so im Bett herumdrehe. Aber das tue ich doch nur, wenn ich schlafe. Das werde ich hier bestimmt nicht tun. Es ruckelt und schaukelt – wie soll ich denn dabei einschlafen können? Ach ja, kleine Eisbären sind wirklich niedlich. Aber Lu liegt jetzt zuhause in ihrem warmen Bett, ganz gemütlich, und morgen früh fahren sie einfach mit dem Auto und all ihren Koffern los.

Lu

„Marie ist jetzt bestimmt schon unterwegs“, denke ich, während ich die letzten Tops in meinen Koffer quetsche. – „Ordentlich Lu“, sagt Mam, „Wir haben kein Bügeleisen mit.“ – So ein Mist! Und wir fahren erst morgen los. Hat die es gut! Und die ganze Fahrt über kann sie schlafen. Da wird ihr nicht langweilig.

„Dir wird auch schon nicht so schrecklich langweilig werden“, meint Mam, weil wir doch immer „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielen, uns Geschichten erzählen und CDs hören können.

Ja, eigentlich fahre ich gern weite Strecken. Das ist mit Mam und Dad immer sehr lustig. Und zwischendurch kann ich immer ein wenig träumen und mir Autokennzeichen merken.

Aber wieso soll ich denn jetzt schon ins Bett? Wir haben doch gerade erst Weihnachtsferien gekriegt und müde bin ich auch noch nicht. Viel zu aufgeregt, weil’s morgen ja in die Ferien geht.

„Gerade darum“, meint Dad, denn ich muss schon um fünf wieder aufstehen, damit wir Hamburg hinter uns haben, bevor der Berufsverkehr so richtig losgeht. Na, okay, sag’ ich und geh mich waschen und Zähne putzen. Dann kuschel ich mich mit Walli ein. Walli ist mein Stoffpferd und kommt immer überall hin mit, weil ich Pferde liebe und Walli ganz besonders. Wo jetzt Winterpause im Reitstall ist, könnte sie ja auch nicht hier bleiben, hab’ ich zu Mam gesagt. Morgen darf sie dann sogar vorne mitfahren. Da kann sie ausgucken und die Landschaft genießen.

Morgen… wenn’s nur schon so weit wäre.

Marie

Irgendwann muss ich dann doch eingeschlafen sein.

„Komm hoch mein Schatz“, sagt Mama. „Wir sind gleich in München.“

Aber mir ist eigentlich gar nicht nach aufstehen. Es ist doch noch viel zu früh.

„Gleich sieben Uhr“, sagt Papa, und Mama reicht mir einen heißen Kakao. Das tut gut! Sie hat ihn beim Schaffner bekommen, und für sich und Papa einen Kaffee. Und hinterher gibt’s für alle ein Kaugummi, „statt Zähneputzen“, denn dazu haben wir mit dem ekligen Wasser in der Bahn alle keine Lust. Nein, und zur Toilette muss ich hier jetzt auch nicht mehr.

Als wir im Münchener Hauptbahnhof einfahren, ist es immer noch stockdunkel.

„Anschlussreisende haben Anschluss an eine Regionalbahn um 7 Uhr 15 nach Starnberg“, höre ich aus dem Lautsprecher.

Mensch, so früh ist das noch. Kein Wunder, dass ich so müde bin. Und irgendwie habe ich das Ratam-ratam-ratam der Nachtfahrt immer noch im ganzen Körper.

„Das wird bestimmt bald besser“, tröstet mich Mama.

Und weil unsere Anschlussbahn erst in gut einer Stunde fährt, gehen wir jetzt erst einmal so richtig schön frühstücken. Mit Eiern, Schinken, Toast, Kakao und allem Drum und Dran. Da geht es mir gleich wieder besser.

Als wir unsere Koffer nehmen und zum Gleis gehen, wird es am Himmel langsam hell.

„Das wird offenbar ein schöner Tag“, freuen sich Mama und Papa. „Keine Wolke zu sehen.“

„Haben wir nicht reserviert?“

„Das geht in den Regionalbahnen gar nicht, Schatz“, antwortet Mama. „Aber aus der Stadt raus wird es jetzt bestimmt auch nicht so voll sein.“

Ist es dann auch nicht, und Papa macht sich gar nicht erst die Mühe, die Koffer in die Gepäckablage zu wuchten, sondern lässt sie zwischen den Bänken nebenan auf dem Boden stehen. Der Schaffner schimpft auch nicht, als er unsere Fahrkarten abstempelt. Scheint also voll in Ordnung zu sein.

Als wir aus München rauskommen, liegt links und rechts der Bahn schon ein wenig Schnee.

„Das wird noch viel mehr“, verspricht Papa. Das hat er im Internet nachgeschaut. „Uns erwartet dicker Schnee, viel Sonne und zwischendurch immer mal wieder Neuschnee“, hatte da gestanden.

In Tutzing müssen wir aussteigen und eine andere Regionalbahn nehmen.

„Auch noch von einem anderen Gleis“, schimpft Papa und schleppt unsere Koffer zum anderen Bahnsteig hinüber. Nun kann ich wirklich verstehen, warum ich nicht so viel einpacken sollte. Andererseits… so ein paar Tops wiegen ja wirklich nicht die Welt.

Eine halbe Stunde später sind wir am Ziel. Mama hatte gleich hinter Tutzing schon mal die Vermieter angerufen, „Ja, wir sind genau pünktlich“, damit sie uns wie abgesprochen von der Bahn abholen können.

Papa hatte Recht. Der Schnee liegt wirklich schon rundherum richtig hoch. Ich bin jetzt hellwach. Der Urlaub kann beginnen.

„Grüß Gott, i bin der Leopold Alexander, aber ihr könnt’s ruhig Alex zu mir sagn, das tun hier alle“, ruft uns der richtig nett aussehende Junge zu, als wir auf ihn zusteuern.

Er ist ziemlich groß, blond, hat Sommersprossen fast wie Lu, und ein Schild in der Hand, auf dem „Urlaub auf dem Bio-Bauernhof Leopold“ steht. Er schnappt sich gleich meinen Koffer und den Koffer von Mama – Papa grinst dankbar – und bringt uns, ich glaub’s nicht !!!, zu einem Pferdeschlitten.

„Hier bin ich richtig“, weiß ich sofort. Und Lu wird erst Augen machen. Die liebt Pferde ja fast noch mehr als ich.

„Du, Mama, wo mögen Lu und ihre Eltern denn jetzt wohl gerade sein?“

Lu

„Schaut mal, noch keine zehn Uhr und da unten liegt schon Kassel“, freut sich Dad. „Wenn wir weiter so gut durchkommen, sind wir pünktlich zum Abendessen im Hotel.“

„Aber jetzt lass uns erst einmal etwas Frühstücken gehen“, antwortet Mam gut gelaunt, und an der nächsten Raststätte machen wir Stopp. Ganz schön voll ist es hier: Geschiebe und Gedränge.

„So ist das halt, wenn die ganze Nation in Weihnachtsurlaub fährt“, meint Mam, und Dad sagt, dass wir erst mal sehen sollten, wie es die nächsten Tage aussehen wird. Da würde es bestimmt noch viel voller werden. Es sei schon gut und richtig gewesen, uns gleich am ersten Ferientag auf den Weg zu machen! Stau habe es immerhin auch noch nicht gegeben.

Wir erbeuten uns Rührei, Speck, knusprige Brötchen und Orangensaft und einen großen Pott Kaffee für Mam und Dad.

„Das hält bestimmt bis heute Abend vor“, glaubt Dad und Mam meint, zur Not habe sie auch noch genügend Kekse dabei und Tee in der Thermoskanne.

Bevor wir weiterfahren, wollen Mam und ich noch zur Toilette. Da kommt man aber nur rein, wenn man die passenden Münzen einwirft, und Mam sucht in ihrem Portemonnaie vergeblich nach zwei Fünfzig- und Zwanzig-Cent-Stücken. Deshalb gehen wir noch einmal zu Dad zurück – ich soll unbedingt mitkommen – und der hat „zum Glück vorgesorgt“, wie er sagt. Schließlich ist er öfter mal auf der Autobahn unterwegs.

Gegen Mittag haben wir dann doch einen Stau vor uns und das Navi meint, wir sollen von der Autobahn runterfahren. Das tun wir auch, und hier sieht es fast schon so hügelig aus als wären wir in Bayern, finde ich.

„Ist auch schon Bayern“, sagt Mam. Aber ein paar Stunden sind es trotzdem noch bis zum Ziel. Bayern ist ganz schön groß – und ab Nürnberg können wir wegen all dem Schnee auch nicht mehr so richtig schnell fahren.

„Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist weiß“, grinst Dad.

Aber wir sehen jetzt eigentlich nur noch weiß. Genau so, wie es im Winterurlaub ja auch sein soll.

„Das da vorn muss es sein“, meint Mam, als wir endlich am Urlaubsort angekommen sind. Es ist schon mindestens seit einer Stunde dunkel.

„Wellness-Hotel Seeblick“. Sieht genauso aus wie im Internet. Eigentlich noch besser, wie es da jetzt hell erleuchtet und rundum eingeschneit am Seeufer steht. Stark! Und der See ist am Rand auch schon zugefroren.

„Draufgehen kann man bestimmt noch nicht“, warnt Dad. Aber hübsch sieht es trotzdem aus.

Ob Marie auch schon angekommen ist? „Klar doch, schon heute morgen“, meint Mam. „Sie hat mit ihren Eltern ja den Nachtzug genommen und nun schon einen ganzen Ferientag hinter sich.“

„Können wir gleich zu ihnen gehen?“

„Nein, morgen erst, Schatz. Für heute sind wir alle zu müde. Lass uns erst einmal unsere Zimmer beziehen, auspacken und etwas essen gehen. Dann vielleicht noch kurz in den Pool und früh ins Bett. Morgen können wir uns alle gleich nach dem Frühstück treffen.“

Mir gefällt es hier! Ich habe mein eigenes Zimmer – mit Verbindungstür zu Mam und Dad. Und zwei Wochen Ferien mit Marie.

Marie

Alex hat unsere Koffer hinten auf dem Schlitten verstaut, während ich den Pferden hallo gesagt und sie gestreichelt habe. Zwei Haflinger. Meine Lieblingsrasse! Jetzt sitzen wir alle eingemummelt in warme Decken im Schlitten. Alex hockt vorn auf dem Kutschbock – nennt man das bei einer Schlittenkutsche überhaupt so oder ist’s ein Schlittbock? Er schwingt die Peitsche. „Hüh hüa hüh“, treibt er die Pferde an, während er gleich hinter dem Bahnhof auf einen tief verschneiten Feldweg abbiegt.

„Eine halbe Stunde werden wir brauchen“ ruft Alex nach hinten und wir sagen ihm, er soll sich ruhig Zeit lassen. Mit dem Pferdeschlitten durch eine verschneite Winterlandschaft, das Klingeln der Glöckchen vorn am Zaumzeug… Kann es etwas Schöneres geben?

Wie alt er ist, will Papa von Alex wissen.

„Sechzehn“, grinst der.

Zwei Geschwister hat Alex: Mario ist neunzehn und hat gerade vor ein paar Monaten ein Studium in München angefangen. Über die Feiertage kommt er aber nach Hause. Und Karla, die ist zwölf.

„Super, das bin ich auch“, rufe ich. Vielleicht können Lu und ich uns ja mit Karla anfreunden. Eine Dreierbande. Das wäre echt toll.

Die Berge rücken immer näher. Zum Hof geht es deutlich bergan, und die Pferde kommen nun richtig ins Schnaufen.

„Das macht ihnen nichts aus“, beruhigt Alex, während wir gerade über eine hölzerne Brücke fahren, unter der ein kleiner Bach rauscht, „und gleich sind wir ja auch schon da.“

Weit und breit kein anderes Haus. Hier sind wir wirklich in der freien Natur.

„Der Hof liegt ziemlich weit draußen?“, fragt Papa ein bisschen skeptisch.

„Nein, nein, das sieht nur so aus, weil wir vom Bahnhof und über die Feldwege kommen“, antwortet Alex freundlich. „Auf der anderen Seite seid ihr in zehn Minuten zu Fuß im Dorf. Und zum Stangl-Wirt braucht ihr sogar nur fünf Minuten, wenn ihr abends mal essen gehen wollt oder noch eine Maß trinken.“

Und dann sehen wir den Hof! Mitten im Schnee liegt er da, auf einer kleinen Anhöhe. Rauch steigt aus drei Schornsteinen empor. Es riecht nach brennendem Holz.

„Einen Kamin habt ihr auch“, ruft Alex, und Mama seufzt glücklich.

Wir kommen durch eine richtige Toreinfahrt. „Bio-Bauernhof Leopold“ steht darüber – in großen Buchstaben auf eine Tafel geschrieben und auf beiden Seiten mit Blümchen umrandet. Rechts gucken ein paar Pferde aus einem Stall heraus, links tuckert ein Traktor und stört ein bisschen die Ruhe. Alex hält den Schlitten vor einem großen Fachwerkhaus an. Ein dunkler Balkon zieht sich um das ganze Haus herum, mit vielen, vielen Blumenkästen. Im Sommer blühen da bestimmt jede Menge Geranien, denke ich. Jetzt aber liegt eine hohe Schneekappe auf jedem der Kästen.

„Kommt doch schon mal rein, ich sag’ meiner Mutter Bescheid“, bittet Alex freundlich und geht vor, in eine kleine Stube gleich neben der Eingangstür.

„Was für ein höflicher junger Mann“, flüstert Mama zu Papa und ich werd’ ein bisschen rot, weil er das ja auch hätte hören können.

„Mutter, die Gäst san da“ ruft Alex in eine Richtung, in der man das Klappern von Geschirr und Töpfen vernimmt, und gleich darauf kommt eine große freundliche Frau durch eine Tür herein, hinter der mit Sicherheit die Küche des Hauses liegt.

„Grüß Gott“, sagt sie, und dass sie Lisa heißt.

Wir stellen uns auch vor und Alex holt derweil alle unsere Koffer ins Haus.

„Ich muss erst einmal die Pferde ausspannen“, sagt er. Dann fragt er mich, ob ich ihm dabei helfen will. Und ob ich will!

„Darf ich?“, frag ich Mama mit einem Blick.

„Geh’ nur“, lächelt sie, „Wir finden dich nachher schon wieder.“

„Und ich zeig euch derweil schon mal eure Ferienwohnung“, sagt Lisa, und zieht mit Papa und Mama davon.

„Kennst du dich mit Pferden aus?“, will Alex wissen.

„Klar doch“, sage ich, immerhin reite ich schon seit ich sechs bin.

Dann darf ich auch gleich die Pferde mit dem Schlitten zum Stall bringen. Alex zeigt mir, wie man sie ausspannt und legt ihnen sofort eine Decke über. Sie sind ja auf dem Weg vom Bahnhof hierher ins Schwitzen gekommen und sollen sich nicht erkälten. Dann führen wir sie in den Stall, wo es kuschelig warm ist und schön nach Pferd riecht.

„Schade, dass du noch nicht hier bist, Lu!“, denke ich. „Das werden die Ferien unseres Lebens!“

Lu

Ich habe geschlafen wie ein Murmeltier. Draußen ist es schon hell, als Mam ins Zimmer kommt und „Guten Morgen Lu, raus aus den Federn, du Schlafmütze“ sagt.

Wir sind in den Bergen, draußen liegt Schnee, Marie ist nicht weit! Mich hält nichts mehr im Bett! Mam und Dad sind nicht mehr in ihrem Zimmer, als ich frisch gewaschen und mit blitzblank geputzten Zähnen hineinstürme.

„Bestimmt schon unten beim Frühstück“, denke ich und mache mich auf den Weg.

Gestern hatte ich mich nach dem Schwimmen im Hotelpool auf dem Rückweg zum Zimmer verlaufen. Jetzt kenne ich mich hier schon gut aus. Mam und Dad sitzen tatsächlich schon am Frühstückstisch und trinken Kaffee.

„Komm, wir schauen mal, was es hier alles zu essen gibt“, sagt Mam, und wir gehen zu dritt zum Büfett. Müsli, Quark, Obstsalat, Schokopudding, Cornflakes…

„So viel Wellness brauche ich am frühen Morgen denn doch noch nicht“, meint Dad und geht zum nächsten Tisch weiter, wo Schinken, Wurst, Käse, Brot und Brötchen, Rührei und andere leckere Dinge auf uns warten. Die Kellnerin bringt Mam und Dad Milchkaffee, ich hole mir Orangensaft vom Büfett.

„Ich habe vorhin schon Clara angerufen“, sagt Mam. So heißt Maries Mama. „Wir treffen uns alle um zehn im Dorf. Sie müssen sich noch Skier ausleihen. Wir wollen dann mit Clara und Bernd (das ist Maries Papa) einmal um den See wandern – so als Auftakt. Marie lässt ausrichten, dass sie dir erst mal den Hof zeigen will. Da soll’s richtig tolle Pferde geben und ein Mädchen in eurem Alter und auch sonst ganz viel zu entdecken.“

Klasse! Ich kann’s gar nicht erwarten und bekomme vor lauter Aufregung kaum noch etwas von dem leckeren Essen in mich hinein.

Marie

Heute Morgen haben wir unten in der Stube gegessen. Lisa hatte uns dazu eingeladen, weil wir ja noch nicht einkaufen konnten und so. Da hat dann Lus Mam angerufen und wir haben uns hier vor dem Skiverleih verabredet. Lus Eltern haben ihre Skier auf dem Autodach mitgenommen. Papa meint, für uns kommt es billiger und bequemer, sie im Ort zu leihen. „Für die paar Mal, die wir sie brauchen“, sagt er. Und dann die zusätzliche Schlepperei in der Bahn. Nee, das wolle er sich nicht antun.

„Da sind sie“, rufe ich, und laufe Lu entgegen. Es ist so schön, sie wiederzusehen, obwohl wir uns ja erst vorgestern voneinander verabschiedet hatten. Aber jetzt sind wir in Bayern. Im Schnee. In den Ferien. Hey, hey, wir kommen!

„Wollt ihr wirklich nicht mitkommen?“, fragt Mama.

Doch da sind Lu und ich uns ganz einig. Wie immer! Mit Skiern um den See, wo es auf dem Hof einen Stall voller Pferde und tausenderlei zu entdecken gibt? „Nein, nein, wir gehen zum Hof zurück!“

Ob ich den Weg denn auch schon alleine finden kann, fragt Papa besorgt. Klar kann ich. Den sind wir ja gerade eben gegangen. Und außerdem sind überall Schilder aufgestellt, die zum Bio-Bauernhof Leopold weisen. Was soll da schon schiefgehen.

Mama tuschelt mit Lus Eltern. „Gut“, sagt sie. „Dann treffen wir uns hier unten um ein Uhr zum Mittagessen im Hotel. Da, wo Petra, Max und Lu wohnen. Das ist gleich da vorne am See; das findet ihr.“

„Viel Spaß“ wünschen uns die Eltern dann noch, bevor Mama und Papa sich Skier leihen gehen.

„Euch auch viel Spaß“, rufen wir und sind schon auf dem Weg.

Lu

„Unser Hof ist echt super“, sagt Marie. „Und gar nicht so weit vom Dorf entfernt.“

Wir gehen auf einem tief verschneiten Weg, ein ganzes Stück von der Straße weg und immer bergauf.

„Du, Marie, wenn wir da oben einen Schlitten hätten, könnten wir nachher einfach ins Dorf runterrodeln. Meinst du, dass sich einer auftreiben lässt?“

„Mal schau’n“, schnauft Marie schon ein bisschen aus der Puste. „Wir können ja mal Lisa fragen. Das ist die Vermieterin da auf dem Hof. Die ist echt nett.“

Der Hof ist wunderschön. Da hat Marie nicht zu viel versprochen. Hübsch, wie er da mitten im Schnee liegt, zwischen Hügeln, Bäumen und weiß verschneiten Flächen, die im Sommer bestimmt bunte Wiesen oder Felder sind. Wir gehen gleich rüber zum Stall. Die Tür ist nur angelehnt.

„Rrrrr-wuff!“ macht’s von hinten. Ich zucke zusammen. O-oh, der ist aber groß. Bestimmt ein Berner Senner.

„Kennst du den?“, frage ich Marie mit einem Blick, der hoffentlich nicht allzu ängstlich aussieht.

Sie schüttelt leicht den Kopf und sieht auch nicht gerade zuversichtlich aus.

Dann lächelt sie aber und sagt „Du, das ist hier ja ein Ferienhof, wo oft Kinder hinkommen. Der tut uns bestimmt nichts.“

Naja, außerdem sieht er ganz nett aus, wedelt vornehm langsam mit dem Schwanz und sagt auch nichts mehr. Trotzdem schlüpfen wir lieber ganz schnell durch die Stalltür und ziehen sie fest hinter uns zu.

Sofort ist der Hund da draußen vergessen. Denn hier sind die Pferde. Eins, zwei, drei… – bestimmt acht, nein, neun Stück. Alles Haflinger und eines schöner als das andere. Sie stehen in großen Boxen, ganz warm mit Stroh ausgelegt. An der Wand gegenüber hängen drei Kutschgeschirre an der Wand und ganz hinten stehen drei Kutschen und drei Schlitten. Ob wir damit mal eine Tour machen können? Ein Traum!

„Grüß Gott, ich bin die Karla“, sagt eine Stimme aus der Pferdebox rechts, und gleich darauf taucht ein lächelndes Gesicht über dem Tor der Box auf. Ein Mädchen in unserem Alter, blond, zwei lange Zöpfe mit Schmetterlings-Haargummis, Strickpullover, Strickmütze.

„Nicht gerade top-modisch“, denke ich, „aber sie sieht total nett aus und ist echt hübsch.“

„Ich hab’ schon von Mama gehört, dass ihr hier seid“, sagt Karla und schaut uns fragend an. „Aber eigentlich hat sie von nur einem Mädchen gesprochen.“

„Genau, das bin ich. Ich heiße Marie“, erklärt ihr Marie. „Und das hier ist Lu, meine beste Freundin. Sie macht auch Urlaub hier, aber unten im Dorf. Sie wohnt mit ihren Eltern im Hotel Obermoser, direkt am See. Ist doch okay, dass ich sie mitbringe?“

„Freilich“, sagt Karla und kommt aus der Box. „Mögt ihr Pferde?“, fragt sie, und wir beide nicken natürlich wie verrückt. „Das sind Felix und Maja“, stellt sie uns die Pferde vor. „Die ziehen meistens den Schlitten, mit dem wir die Gäste vom Bahnhof abholen. Das da drüben sind Bastian und Lena, die sind ebenfalls ein Gespann. Und das da sind Petra und Max…“

Marie kichert und ich werde ein bisschen rot. Karla guckt fragend.

„So heißen meine Eltern“, sag’ ich ein bisschen verlegen.

„Max und Petra ziehen den Schlitten“, prustet Marie und dann müssen wir alle lachen.

Die Stalltür geht auf und Alex kommt rein, zusammen mit dem großen Hund von vorhin.

„Na, habt ihr Spaß“, lacht er und freut sich offenbar darüber. Der Hund läuft zu Karla und schnüffelt dann an mir.

„Das ist Moritz, und der ist ganz lieb“, sagt Alex schnell, weil ich offenbar schon wieder etwas ängstlich gucke, „auch wenn er jemanden noch nicht kennt.“

„Ach ja, ’tschuldigung! Ich bin Lu. Ich bin mit Marie hier“, antworte ich schnell und streichele Moritz, der wirklich ganz lieb ist und vor dem ich jetzt schon überhaupt keine Angst mehr habe.

Karla zeigt uns den ganzen Hof: Den Stall mit den Pferden, die Scheune mit dem Stroh, dem Heu und zwei riesigen Traktoren, zwei ganz liebe schwarz-weiße Katzen, die sich von Moritz überhaupt nicht stören lassen und uns maunzend begrüßen, einen kleinen Teich mit einer Schlitterbahn darauf, zwei Schaukeln mit großen Schneehauben, einen Schuppen mit tausenderlei Gerät darin und mindestens fünf Rodelschlitten.

„Du, können wir uns zwei davon ausleihen, wenn wir gleich ins Dorf müssen?“, frag’ ich Karla und erkläre ihr, dass wir uns dort mit unseren Eltern treffen.

„Max und Petra“, grinst Karla, aber ganz lieb, und klar können wir zwei Schlitten haben. „Bringt sie nur nachher wieder hier rein.“

Das versprechen wir natürlich, und dann müssen wir auch schon los.

„Bis heute Abend“, sagt Marie zu Karla, und ich bin ein bisschen neidisch, weil die beiden hier ja zusammen wohnen und ich heute Abend bestimmt nicht mehr mit hoch darf. Aber was soll’s – juchhu, ab geht’s ins Dorf!


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