Amrumer Familien-Bande

Hark Petersens erster Fall:

Auf einer Sandbank vor Amrum wird das Segelboot von Investor Sven Olufsen entdeckt; er selbst ist verschwunden. Ein Fall für Mordermittler Hark Petersen? Eigentlich nicht, wären da nicht diese merkwürdigen Spuren: Die Jolle scheint im Meer mit einem Auto kollidiert zu sein. Schon auf dem Weg zur Insel überschlagen sich für Petersen die Ereignisse und lassen keinen Zweifel daran, dass die Mordkommission hier gefragt ist. Immobiliengeschäfte jenseits von Moral, üppige Erbschaften und Erpressung bieten ein breites Geflecht an Motiven. Doch die deutlichsten Spuren führen tief in die Vergangenheit.

Als Taschenbuch (168 Seiten) und eBook

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Jan Rolfsmeier

AMRUMER FAMILIEN-BANDE

Ein Küsten-Krimi: Hark Petersens erster Fall

Prolog

Es war eine grenzenlose Freiheit, die sein Herz erfüllte. Eine Freiheit, wie er sie nie zuvor in seinen zehn Lebensjahren hatte genießen können. Seit drei Wochen war Hark jetzt schon bei Tante Lizzy auf Amrum. Drei weitere Wochen durfte er noch bleiben. Eine unendliche Zeit, wie ihm schien.

Seine Eltern waren schon vor einer Woche wieder nach Hamburg zurück. Ihr Urlaub war vorbei. Ihn aber hatte Lizzy für die gesamten Sommerferien nach Amrum in ihr Haus eingeladen. Und die ganze Zeit über bewohnte er schon „sein“ Zimmer in ihrer Wohnung. Die Eltern hatten die Ferienwohnung ein Stockwerk höher erstmals seit seiner Geburt ganz für sich.

In Hamburg konnte sich Hark nie frei bewegen. Selten, dass er mal allein das Haus verlassen durfte, und wenn, dann nur auf bekannten, vorher festgelegten Wegen. Hier auf Amrum gehörte die ganze Insel ihm. Er konnte gehen, wohin er wollte. Er konnte zu seinen Freunden rüber laufen. Er konnte allein durch die Dünen und den Wald stromern. Er konnte Vögel und Kaninchen beobachten, im Sand buddeln, im Meer baden. Und sogar nach dem Abendessen durfte er noch alleine raus.

Lizzy ließ ihm weiten Auslauf. Gleichzeitig war seine Tante streng. Ihre Zeiten waren einzuhalten, ihre Worte waren Gesetz.

„Du gehst? Schreib einen Zettel!“

„Du bleibst über Mittag weg? Nimm Brote und Wasser mit!“

Damit konnte er leben! Und jeden Tag musste, nein durfte er mit ihr eine Stunde oder auch zwei trainieren. Die Kampfsportschule, die sie eine Zeitlang neben ihrer Arbeit als Biologin betrieben hatte, hatte sie wieder aufgegeben. So kam in den letzten Jahren fast nur noch ihr Neffe in den Genuss ihrer Künste, die sie sich über Jahrzehnte erarbeitet und in zahllosen Chinareisen verfeinert hatte.

Es war wieder ein herrlicher Morgen in diesem herrlichen Sommer. Warm und sonnig, kaum eine Wolke am Himmel. Die Tante war längst bei der Arbeit. „Sven/Svenja, Strand, Brote dabei, 17 Uhr zurück“ schrieb Hark auf einen Zettel. Darunter malte er ein Herzchen. Dann schnappte er sich seinen kleinen Rucksack mit Broten, Wasserflasche und Badezeug und rannte die Straße hinunter zum Haus der Olufsens. Mit ihnen traf er sich immer, wenn er auf Amrum war. Vor allem die freundliche, offene Svenja gefiel Hark. Mit ihrem Zwillingsbruder Sven kam er ebenfalls besser klar als die meisten anderen. Er ließ sich von Svens wenig zugewandter Art und seinem häufigen Aufbrausen nicht abschrecken.

Hark klopfte kurz und lief mit einem lauten „Moin“ ins Haus. Die Türen waren hier nie abgeschlossen. Sven und Svenja hatten schon gepackt und Eimer und Schaufeln dabei. Heute würden sie der Welt zeigen, was eine echte Sandburg ist! Peer und Gunnar, die drei und fünf Jahre alten Geschwister, quengelten. Sie wollten mit.

„Haltet die Klappe, ihr Windelpuper!“, grölte Sven im Hinauslaufen. Svenja gab den Kleinen einen schnellen Kuss auf die Stirn und ihrer Mutter einen auf den Mund. Dann war auch sie draußen. Hark rannte mit einem fröhlichen „Tschüss!“ an Frau Olufsen vorbei hinterher.

Die Sandburg wuchs schnell. Hark, Sven und Svenja rackerten sich unermüdlich ab. Seit Stunden schon. Der sonst beim Spielen eher zurückhaltende Sven hatte die Bauleitung übernommen. Hark und Svenja schleppten eimerweise Sand auf den Hügel, Sven brachte ihn in Form.

Sie hatten einen riesigen Spaß und auch das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Die drei Zehnjährigen hatten ein Bauwerk errichtet, das weit höher war als sie selbst und das sich meterweit in alle Richtungen ausdehnte. Mit Türmen und Zinnen, und ganz zum Schluss mit trutzigen Muschelziegeln, mit denen sie Stück für Stück seine Verteidigungswälle bedeckten.

Sven hielt inne und schaute stolz auf sein Werk, dessen Vergänglichkeit in diesem Moment noch keinen Raum in seinen Gedanken hatte. Hark hingegen war sich bereits bewusst, dass sie in spätestens zehn Minuten einen verzweifelten Kampf gegen die immer näher rückenden Fluten der Nordsee starten würden. Sie würden Wälle um ihre Burg ziehen und ableitende Wassergräben graben. Doch all das würde nur für kurze Zeit helfen: Sie hatten deutlich seewärts des Flutsaums gebaut und diese nicht zu gewinnende Verteidigungsschlacht damit bewusst provoziert. Sie war Teil zwei des Spiels.

Das Wasser kam näher, der Kampf begann. Aufgeregt waren die von den zurückliegenden Ferienwochen tief gebräunten Kinder am Rennen und am Schaufeln. Es galt, die mühsam errichtete Burg vor ihrem so unausweichlich erscheinenden Schicksal zu bewahren. Schon leckten die ersten Wellen am vorderen Schutzwall, glätteten seine Seiten, spülten den Sand ohne Erbarmen fort. Mit konzentrierten Gesichtern und wild schnaufend waren die Baumeister bei der Arbeit, riefen wild durcheinander, rannten mal hierhin, mal dorthin. Nichts anderes war ihnen jetzt wichtig als der Schutz der Burg. Ungetrübter Spaß und gespielte Verzweiflung gingen Hand in Hand, während das Meer ungerührt sein Zerstörungswerk fortsetzte. Sie taten alles, um den Moment des Zerfließens hinauszuschieben. Jede Sekunde war eine gewonnene Sekunde.

Die Ernüchterung kam wie ein Paukenschlag. „Achtuuuung…“ schrie ein großer blonder Junge von hinten. Mit gewaltigem Anlauf kam er angerannt und landete mit einem Bauchklatscher mitten auf ihrer Burg. Türme, Zinnen und Wälle gaben unter ihm nach. Im Bruchteil einer Sekunde vollendete er das Werk, für das das Meer noch Minuten gebraucht hätte. „Achtuung!“ rief es wieder von hinten. Zwei weitere große Kerle klatschten neben dem ersten auf. Die Burg war nur noch Berg.

Hark und Svenja guckten mit fassungsloser Miene, wie ihnen das Spiel aus der Hand gerissen wurde. Böswillig unterbrochen und zerstört von der Harmsen-Gang. Die rüpeligen Zwölfjährigen um ihren Anführer Rolf Harmsen hatten Sven, Svenja und den anderen Kleineren schon in der Amrumer Inselschule ständig Ärger gemacht. Und jetzt auch noch hier am Strand! Doch was sollte man tun? Svenja verschränkte die Arme vor der Brust und schaute missmutig auf die Kerle, die immer noch bäuchlings auf den Resten ihrer Burg lagen. Harmsen hatte den Kopf angehoben und grinste frech in das puterrot angelaufene Gesicht von Sven.

„Na, Olufsen, mal wieder auf Sand gebaut?!“, lachte er.

Ein mächtiger Schrei entfuhr Sven. So tief, so dunkel und so laut, wie er niemals aus diesem schmächtigen Jungenkörper hätte kommen dürfen. Sein Gesicht glühte in dunkelstem Rot, die Adern traten hervor, die Züge wurden von teuflischem Hass entstellt. Svens Schaufel löste sich vom Boden und fuhr in rasend schneller Drehbewegung in Rolf Harmsens Gesicht. Sie traf mit der Kante auf, brach das Nasenbein und schleuderte den Kopf mit ungeheurer Wucht nach hinten. Blut ergoss sich in breiten Strömen über Mund und Kinn, während er zusammensackte.

„Sven, nicht!“, kreischte Svenja auf, als ihr Zwillingsbruder sich in maßloser Wut nun auf die anderen Jungen stürzte. Beide waren einen guten Kopf größer als er und echte Raufbolde. Aber dieser zerstörerischen Wut hatten sie nichts entgegenzusetzen. Blutend und in Panik aufgelöst versuchten sie zu fliehen, wurden aber von der Schaufel immer wieder niedergestreckt, bevor sie sich überhaupt aufrichten konnten. Svens Gesicht war zur mörderischen Fratze verzerrt. Er würde töten, wenn man ihn nicht aufhielt.

Hark hatte keine Wahl. Er musste den Freund bremsen. Von hinten sprang er ihn an, drückte seine Arme in einem kräftigen Schraubgriff nach unten und zog dann blitzschnell an. Das war einer der vielen Griffe, in denen Lizzy ihn geschult hatte. Die Schaufel entglitt Svens Hand, die Luft seinen Lungen. Doch Sven zappelte noch wie von Sinnen, während Hark ihn langsam rückwärts von seinen Kontrahenten wegzog. „Beruhige dich Alter, beruhige dich“, keuchte Hark dem Freund ins Ohr. Svenja lief heran und nahm das Gesicht des Bruders in die Hände. Ihr liebevoller Blick traf auf hasserfülltes Funkeln. „Sven! Sven! Ich bin es Sven!“, redete sie nachdrücklich auf ihn ein.

Ganz langsam schien er sich zu besinnen. Sein Strampeln wurde schwächer. Hark traute sich aber noch nicht, den Griff zu lockern. „Seht zu, dass ihr hier wegkommt“, rief er den Jungen auf der Sandburg zu, die die Szene wie gelähmt betrachteten. „Los, verdammt, haut ab!“ Sein zweites Rufen löste sie aus ihrer Erstarrung. Erst zögerlich, dann von plötzlichem Entschluss gepackt zogen die beiden Kumpels Rolf Harmsen auf die Beine und wankten taumelnd mit ihm davon.

Erwachsene kamen herangerannt. „Warum zum Teufel erst jetzt!“, schoss es Hark durch den Kopf.

Ganz allmählich wechselte Svens Gesichtsfarbe von rot zu weiß, seine Augen wurden wieder klarer, der Blick wieder zu seinem eigenen. Alle Kraft wich aus seinen Gliedern. Hätte Hark ihn nicht noch gehalten, er wäre in sich zusammengesackt. Sanft setzte er den Freund auf dem Boden ab, wo Svenja ihn fest umarmte. „Sven, ach Sven“, sagte sie. „Deine Wut. Immer diese Wut!“ Dann flossen dicke Tränen aus ihren Augen.

1

Klimawandel? Einen derart warmen neunten April hatten sie hier auf Amrum noch nie zuvor erlebt. Zumindest nicht in den über vierzig Jahren, an die sich Sven Olufsen zurückerinnern konnte. Aber ihm sollte es recht sein! Mediterranes Klima würde seinen Geschäften hier auf der Insel nur gut tun! Und gerade jetzt wusste er das Wetter auch für sich selber zu schätzen, hier draußen auf dem Meer, ganz allein mit sich und den Wellen.

Sven Olufsen war gerne allein. Mit seiner Familie hatte er nicht viel am Hut, obwohl die meisten seiner Verwandten, wie er, zeitlebens auf Amrum geblieben waren. Auch Freunde gab es nur wenige. „Freunde“ wäre ohnehin zu viel gesagt: Eigentlich waren es nur mehr oder weniger entfernte Bekannte aus Sparclub, Freiwilliger Feuerwehr oder vom Fußball. Hin und wieder traf er sie in der Kneipe oder auf einer der Partys, auf denen er sich aus beruflichen Gründen sehen lassen musste.

Gerne fuhr er an seinen freien Tagen mit dem Segelboot allein aufs Meer hinaus. Es war immer noch die kleine Einhand-Jolle aus Jugendjahren, die er dafür bestieg. Beim Segeln, und wirklich nur beim Segeln, verzichtete er auf Statussymbole, auf die protzige Jacht, die er sich längst hätte leisten können. Statt an einem Steuerrad zu stehen, hockte er sich auf die kleine Bank im Heck. Eine Hand am Ruder, eine am Seil schipperte er los. Dann ließ er sich irgendwann dort, wo es ihm gerade einfiel, mit gerefften Segeln in der Strömung treiben und hängte die Angel über Bord. Nicht wirklich, um einen Fisch zu fangen, sondern eher, um dem Nichtstun eine Berechtigung zu geben und die Gedanken schweifen zu lassen.

So war er auch an diesem für Anfang April so ungewöhnlich warmen Sonntag bei mäßigem Wind und ruhiger See gegen 10 Uhr ganz allein aufgebrochen. Mit seiner „Svenja“ war er langsam um die Südspitze der Insel herum gedümpelt, dann in Richtung Norden abgedreht, vorbei am Wrack des 1998 havarierten Frachters „Pallas“ in Richtung Sylt. Das Meer war strahlendblau und nur leicht gewellt. Auch der wolkenlose Himmel strahlte in leuchtendem Blau. Heller als das Meer, doch ebenso intensiv. Als hauchdünner weißer Streifen schob sich der Amrumer Kniepsand zwischen diese Sphären. Wo keine Insel mehr war, gingen Wasser und Luft ohne Abgrenzung ineinander über, verflossen miteinander im selben, hier milchigen Blau.

Weit westlich der Amrumer Nordspitze, der Odde, ließ er das Segel herunter, band die Ruderpinne fest und legte die Angel aus. Die See war spiegelglatt, die Mittagssonne ließ das Wasser jetzt zum bleiern schimmernden Spiegel verschmelzen, in den nur hier und da eine Möwe oder eine Küstenseeschwalbe hinabstieß, um, meist ohne Beute, mit enttäuschtem Schrei wieder hoch in die Luft zu steigen. In einiger Entfernung tuckerte ein Motorboot gemächlich vor sich hin. Die gestrige Party ging ihm durch den Kopf.

Gegen Mitternacht war er in der Nebeler Dünendisco angekommen, die seit kurzem „Irrlicht“ hieß. Die meisten der kaum zweihundert Gäste waren, typisch Samstagabend, schon deutlich angeheitert. Die Musik dröhnte. Peer und Gunnar, seine beiden jüngeren Brüder, saßen weiter hinten an einem Tisch in der Nähe der Band. Christine, mit gerade einmal 29 Jahren die Jüngste in der Familie, konnte er mit ihrem neuen Lover auf der Tanzfläche ausmachen. Seine Cousins Sören und Lars, deren Vater vor drei Jahren unter nie geklärten Umständen ums Leben gekommen war, amüsierten sich an der Bar mit zwei nicht mehr ganz jungen, aber ausgesprochen hübschen Touristinnen. Hinter der Bar versorgte ihre Schwester Mara die Feiernden mit Getränken.

„Fehlt eigentlich nur noch Clara zum Familientreffen“, dachte er mit wenig Begeisterung.

Im Grunde genommen mochte er sie alle nicht. Hatte sie nie gemocht, auch wenn es da unbestreitbar familiäre Bande gab. In seiner Kindheit existierte für ihn eigentlich nur Svenja, seine Zwillingsschwester. Als „Sven und Svenja“ waren sie ein unzertrennliches Duo, das miteinander durch dick und dünn ging und sich, bis sie 14 waren, um die Außenwelt kaum scherte. Aber Svenja war weg, schon lange weg. Verschollen, entschwunden, ausgelöscht. Und seither lag ihm die „Blut ist dicker als Wasser“-Geschichte noch weniger als zuvor.

Überhaupt waren Beziehungen zu anderen Menschen nicht wirklich sein Ding. Nie gewesen! Es sei denn, als Mittel zum Zweck. Und für den Zweck war er heute Abend ja auf die Party gekommen. Er hoffte, den Bürgermeister hier zu treffen, um ganz unauffällig etwas über die Chancen für neue Bebauungspläne im Norden von Nebel zu erfahren. Vor einigen Jahren hatte er dort mehrere Hektar Land am und im Naturschutzgebiet gekauft. Für wenig Geld! Vielleicht würde er auf der Party auch ein paar Ratsmitglieder treffen, denen er seine Gedanken über „die notwendige Expansion der Dorfes“ näher bringen konnte. Er hatte da etwas ganz Großes im Kopf. Wenn das klappen sollte…

Olufsen schreckte aus seinen Gedanken hoch, als in unmittelbarer Nähe ein Motor aufheulte. „Was zum T…“, brachte er gerade noch über die Lippen. Dann traf ein schwerer Schlag seine Jolle. Der Mastbaum schlug ihm so hart in den Rücken, dass der Rest des Wortes „Teufel“ in einem Zischen unterging. Olufsen griff nach der Reling, aber er fasste ins Leere. Der gewaltige Schwung warf ihn über Bord.

Die Schwimmweste füllte sich beim ersten Wasserkontakt mit Luft. Trotzdem ging sein Kopf kurz unter. Er schluckte Wasser, verlor die Orientierung, rang nach Luft, schnaubte, prustete. Der Tag war für die Jahreszeit ungewöhnlich heiß, das Wasser aber hatte sich so kurz nach dem Winter noch kein Bisschen aufgewärmt. Die Kälte drang Olufsen sofort und unerbittlich bis tief in die Knochen.

Er schüttelte heftig den Kopf, um das Wasser aus Augen und Nase zu schleudern und um den Schock loszuwerden. Mit heftigen Ruderbewegungen drehte er sich im Kreis, sah sich nach seinem Boot um. Es war kaum zehn Meter entfernt. Ein paar Minuten würde er haben, bevor die Kälte seine Glieder lähmte. Das sollte für ihn als gutem Schwimmer reichen, auch wenn die Strömung hier manchmal nicht ohne war. Aber die Schwimmweste hinderte ihn am schnellen Vorwärtskommen. Er musste versuchen, sie abzustreifen. Mühsam, keuchend und mit bereits klammen Fingern zerrte er am Verschluss der linken Seite. Da heulte erneut der Motor auf. Olufsen fuhr herum und blickte in das bösartige, leere Scheinwerferauge eines Auto-Kotflügels, der direkt auf ihn zuraste. Er versuchte auszuweichen. Keine Chance! Ein heftiger Schlag traf seinen Kopf. Sven wurde schwarz vor Augen.

2

„Auf den Abschluss!“ – Polizeihauptkommissar Hark Petersen und Staatsanwalt Redlef Maier prosteten einander zu. Schon seit langem war es für sie zur Tradition geworden, auf das Schließen einer Ermittlungsakte anzustoßen. Eigentlich taten sie dies abends in einem der besseren Restaurants von Husum oder Flensburg mit einem guten Glas Wein oder einem frisch gezapften Bier. Aber heute hatte Maier noch einen Termin beim Oberlandesgericht in Schleswig und wollte am Abend auf keinen Fall das Konzert verpassen, das Petersens Mitarbeiterin Ella in der Fabrik in Hamburg gab. Auch Petersen ließ sich diesen Auftritt nur ungern entgehen. Ella, die eigentlich Elke Finkenbein hieß, war eine begnadete Jazzsängerin und längst zu einer bekannten und geschätzten Größe hier im Norden geworden. Aber Petersen hatte heute Bereitschaftsdienst. Da war Hamburg einfach zu weit weg von seiner Dienststelle in Husum. So hatten Maier und er die Besprechung des überraschend schnell abgeschlossenen Falles kurzerhand auf den Samstagvormittag gelegt – in ein Fischrestaurant direkt an der Mole des Husumer Hafens, mit Blick auf die Fischkutter. Und auf die Touristen, die jetzt, Mitte April, bereits in größeren Scharen Theodor Storms „Graue Stadt am Meer“ bevölkerten.

Die beiden Männer feierten bei diesen Anlässen vor allem das erfolgreiche Ende einer Ermittlung und nur selten den Fahndungserfolg selbst. Denn der hatte in der Mordkommission fast zwangsläufig mit Trauer und Leid zu tun, mit gewaltsamem Tod und oftmals mit zerstörten Familien. Das war niemals Anlass zur Freude. Sie besprachen bei ihren „Abschlussfeiern“ vor allem, was gut gelaufen war, was hätte besser gemacht werden können, wo es Abläufe glatter zu gestalten und Strukturen zu verbessern gab.

Die Notwendigkeit einer Lagekritik hielt sich diesmal jedoch in Grenzen. So konnten die Beamten sich in Ruhe auf Baguette und Aufschnitt konzentrieren. Und auf den Räucheraal, bei dem sie auch diesmal wieder kurz diskutierten, ob es nun in Ordnung sei, ihn zu essen, oder nicht.

Immerhin stand der Europäische Aal seit Jahren auf der Roten Liste der von der Ausrottung bedrohten Tiere. Andererseits förderte die Aufzucht der meist in Spanien gefangenen Glasaale in Farmen überall in Europa auch Besatzprogramme. Mit ihnen meinte man, den Aalbestand insgesamt wieder stärken zu können. Das sagten zumindest die Befürworter. Das Ganze erschien Petersen sehr kompliziert. Die Motivation der Beteiligten war für ihn ebenso undurchschaubar wie bei manch einem der Mordfälle, die er hier in den vergangenen Jahren aufzuklären hatte.

„Wir werden die Anklage sicherlich nicht auf Mord abstellen“, sagte Redlef Maier, während er sich ein Stück von dem köstlich geräucherten, aber politisch unkorrekten Aal auf sein Baguette legte.

Petersen nickte zustimmend. Ein Vorsatz würde dem Landwirt Martin Martinsen, der da gerade auf Föhr seinen drei Jahre jüngeren Bruder Thomas erschlagen hatte, kaum zu unterstellen und schon gar nicht nachzuweisen sein. Es hatte einen Streit gegeben, abends in der Kneipe, wo der Ältere mit der Freundin des Jüngeren deutlich zu vertraut umging. Das hatten zahlreiche Zeugen bestätigt. Nachts, im Bett, hatte die Freundin dann gestanden, schon ein paar Mal mit dem älteren Bruder geschlafen zu haben. Das wusste die Polizei von ihr selbst. Am frühen Morgen fuhr der Jüngere von Wyk aus zum Hof seines Bruders in Witsum. Er traf diesen beim Holzhacken an. Kurz darauf starb er an einem einzigen Schlag mit der stumpfen Seite einer Axt auf den Schädel.

„Der hat furchtbar geschrien und ist auf mich losgegangen“, erzählte der Täter später dem Kommissar. „Ich hab nur irgendwie abgewehrt. Dann lag er da im Blut und rührte sich nicht mehr.“

In Panik habe er die Leiche auf den Trecker geladen und in dem kleinen Dünengebiet auf der anderen Seite der Godel, des mit einigen hundert Metern längsten „Flusses“ der Insel, notdürftig vergraben. Danach ist er ins Haus zurück, hat sich eingeschlossen, die Vorhänge zugezogen und sich nicht mehr gerührt. Auch nicht, als die Freundin des Jüngeren am späten Nachmittag an die Türen und Fenster klopfte, auf der Suche nach Thomas.

Die Freundin war es dann auch, die am nächsten Morgen bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgeben wollte – zu früh, um bei einem erwachsenen Mann schon zu Ermittlungen zu führen. Zwei Stunden später meldete ein Feriengast, dass sein Hund in den Dünen eine Leiche ausgebuddelt habe. Die Identifizierung war einfach: Dienststellenleiter Mattis Heinen war selber mit rausgefahren und kannte den Toten. Die Unnatürlichkeit des Todes lag auf der Hand.

Eine Viertelstunde später machten sich Hark Petersen und sein Assistent Leif Hansen daher von Husum aus mit Blaulicht auf den Weg zur Fähre in Dagebüll. Ein kurzes Gespräch mit der in Tränen aufgelösten Freundin. Sie hatte sich als Christine Olufsen ausgewiesen. Dann die Fahrt zum nahegelegenen Hof, der wie am Vortag mit verschlossenen Türen und zugezogenen Fenstern einen leblosen Eindruck machte.

Leif entdeckte Blutspritzer neben frisch gehacktem Holz, nur halbherzig mit Sand überdeckt. In der Ecke des offenen Holzschuppens fand er, ebenso notdürftig versteckt, eine Axt mit Blutspuren daran und eine Schaufel. Die Tür zum Haus wurde aufgebrochen. In der Ecke der schmuddeligen, abgedunkelten Küche hockte der Landwirt leichenblass und zitternd auf dem Boden. Ein Hüne von einem Mann, wie Petersen feststellte, aber völlig am Ende. Zwei Föhrer Kollegen zogen ihn vorsichtig, gefasst auf Gegenwehr, auf die Füße und schoben ihn auf einen der Küchenstühle. Es kam keinerlei Gegenwehr.

„Martin Martinsen, ich nehme Sie fest unter dem Verdacht, Ihren Bruder Thomas getötet zu haben“, eröffnete Mattis Heinen dem Mann. Keine Reaktion.

„Hast du das verstanden?“, hakte Heinen nach. Ein leichtes Kopfnicken war die einzige Antwort.

„Na, dann erzählen Sie mal“, sagte Petersen und setzte sich rittlings auf einen Stuhl, dem Festgenommenen gegenüber.

Da schossen dem riesigen Landwirt Tränen in die Augen, die Vorfälle sprudelten nur so aus ihm heraus. Später, auf der Wache in Wyk, in Gegenwart eines Anwalts, wurden die Abläufe nochmals willfährig bestätigt und Fragen ohne Zögern im Detail beantwortet. Ins Protokoll kamen bereits alle Einzelheiten des Tathergangs. Die Leiche war in der Gerichtsmedizin, die wenig später den Tod durch einen einzigen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand bestätigte; wobei das Opfer wohl die ersten Minuten nach dem Schlag bewusstlos, aber noch am Leben war. Die Kriminaltechnische Untersuchungsstelle, die KTU, hatte den Traktor, die Axt und die Schaufel, mit der der Tote vergraben worden war, sichergestellt und die Spuren am Tatort untersucht. Hark Petersen und Leif Hansen konnten die Insel noch am selben Tag mit der letzten Fähre verlassen.

Mit demselben Schiff wurde auch der mutmaßliche Täter ins Untersuchungsgefängnis in Flensburg überstellt. Der Fall war nach weniger als einem Tag abgeschlossen.

„Weißt du schon, was ihr draus machen wollt?“, fragte Petersen den Staatsanwalt.

Der verzog die Miene: „Wird nicht so ganz einfach. Hätte Martinsen sofort den Rettungswagen und die Polizei gerufen, wäre er wohl mit einer Bewährungsstrafe oder vielleicht sogar einem Freispruch davongekommen. Es war ja offenkundig kein Vorsatz im Spiel. Wie er es erzählt, war’s nicht mal Affekt oder Notwehr. Die ganze Insel bestätigt, dass das Verhältnis zu seinem Bruder immer freundschaftlich war. Das hätte also glatt auf Unfall hinauslaufen können. Aber mit unterlassener Hilfeleistung und Vertuschung sieht das jetzt deutlich anders aus. Ich denke, wir werden dies beides zusammen mit fahrlässiger Tötung zur Anklage bringen. Ein paar Jahre könnte es ihm einbringen, je nachdem, was im Prozess noch so ans Licht kommt.“

3

Solche Fälle waren der Grund, warum Maier und Petersen nach Abschluss einer Mordaufklärung der Sinn immer nach einer ausführlichen Besprechung stand, ihnen aber nur selten nach Feiern zumute war. Meist waren es gewollte oder einfach so geschehene Tötungsdelikte im engeren Familienkreis, mit denen sie es hier im äußersten Norden der Republik zu tun hatten. Die Täter konnten da meist schnell ermittelt werden. Fast nie waren sie mit typisch kriminellen Hintergründen befasst, wie man sie in dichter besiedelten Regionen erlebte. Oft nicht einmal mit einem Vorsatz, der die Täter zu ihrer Tat motiviert hätte. Natürlich gab es hier an der Küste auch immer wieder Wasserleichen, bei denen nach Tagen oder Wochen im Meer oft weder die Identität noch die Todesursache zu klären waren. Wurde solch eine Wasserleiche identifiziert, dann lag der Fall aufgrund der starken Tide-Strömungen auch oft gar nicht bei ihnen, sondern bei weit entfernten Ermittlungsstellen, teils in Niedersachsen oder Hamburg, teils in Dänemark oder sogar Großbritannien.

Dennoch machte den beiden befreundeten Beamten ihre Arbeit hier im hohen Norden in der Regel Spaß. Sie waren vor drei Jahren fast zeitgleich in diesen Bezirk versetzt worden. Petersen kam von der Kripo in Kiel und führte seither eine Fernbeziehung mit Frederike, „Freddy“, und den Kindern, die inzwischen beide das Haus fürs Studium verlassen hatten. Der seit jeher ledige Maier kam von der Staatsanwaltschaft in Lübeck hierher. Die Karriere im Staatsdienst hatte er begonnen, nachdem er in Prozessen, wie er es formulierte, als Rechtsanwalt zu oft die falsche Seite zum Erfolg führen musste.

Schon beim ersten gemeinsamen Fall hatten Hark und er einander kennen und schätzen gelernt, obwohl sie auf den äußeren Blick eigentlich nur wenige Gemeinsamkeiten hatten. Auch an diesem Morgen war der hochgewachsene und trotz seiner 43 Jahre noch jugendlich schlanke Redlef Maier wieder äußerst korrekt gekleidet: Dunkler, maßgeschneiderter Anzug mit Weste, rosa Krawatte auf weißem Hemd, glatt polierte schwarze Schnürschuhe. Zum Outfit gehörte auch eine uralte Taschenuhr an schwerer silberner Kette, die bei Petersen aber nur beim ersten Treffen ein breites Grinsen hervorgelockt hatte. Seinen edlen hellen Trenchcoat hatte der Staatsanwalt sorgfältig an der Garderobe am Eingang des Fischrestaurants aufgehängt.

Auch der nur zwei Jahre ältere Hark Petersen war schlank geblieben. Er hatte der, wie es schien, fast zwangsläufigen Gewichtszunahme von Mittvierzigern dank Lauftraining und wohl auch Veranlagung bislang weitgehend widerstehen können. Sein schlaksiger Körper war in den Schultern und auch an den Hüften deutlich breiter als der seines Freundes, der ihn mit 1,86 Metern um immerhin vier Zentimeter überragte. Der Polizist bevorzugte lässige Kleidung: Jeans, Shirt, legeres Sakko. Über seiner Stuhllehne hing eine nicht mehr ganz neue, leicht gefütterte hellblaue Regenjacke. Sie war groß genug, dass sie über das Sakko und notfalls wohl über einiges mehr gezogen werden konnte.

Auch wenn sie privat miteinander unterwegs waren, blieben die Männer ihren Kleidungsstilen treu – egal, ob es ins Restaurant, in eine Bar, einen Club oder in die Kneipe ging. Oder zum Jazz, den sie beide nicht nur zu schätzen wussten, wenn Ella einen Auftritt hatte. Mal war der eine over-, mal der andere underdressed. Das zog manchmal Blicke auf sich, teils Verwunderung. Der Kommissar und der Staatsanwalt scherten sich nicht darum.

Das Plopp aus Petersens Smartphone unterbrach das gerade begonnene Gespräch darüber, welchem internationalen Star Ellas rauchige Jazz-Stimme denn nun am nächsten kam. Eine SMS von Leif Hansen, der gerade auf dem Revier vorbeigeschaut hatte. Eine neue Akte war hereingekommen.

„Vermutlich nicht sonderlich dringlich“, lautete der Kommentar seines jungen Kollegen, der wusste, dass Hark mit Redlef Maier beim Frühstück saß. Aber das Essen war so gut wie beendet und Maier würde ohnehin bald aufbrechen wollen.

„Tja, ich sollte denn wohl mal“, sagte er bedauernd zu seinem Gegenüber und schob sich den letzten Happen von seinem Teller in den Mund. „Viel Spaß heute Abend bei Ella. Wünsch ihr noch mal ´toi, toi, toi!` von mir. Und meldet euch, wie’s gelaufen ist.“

4

Wollte sich da jemand über ihn lustig machen? Mit einem ratlosen Seufzer warf Petersen den Untersuchungsbericht auf seinen fast leeren Schreibtisch zurück. Unwillkürlich glitt sein Blick auf den Fotokalender mit Nordseemotiven an der ansonsten schmucklosen Wand gegenüber: Samstag, 15. April, nicht Samstag, 1. April. Also kein Aprilscherz. Und „Versteckte Kamera“ spielte hier im Morddezernat der Kriminalpolizeistelle Husum sicherlich auch niemand mit ihm. Also musste er das, was in den Akten stand, wohl oder übel ernst nehmen.

Die Jolle des Immobilienmaklers Sven Olufsen war auf einer Sandbank ein paar Kilometer westlich von Amrum entdeckt worden, hieß es darin. Von Olufsen selbst keine Spur. Das Foto der KTU zeigte abgeplatzte Farbe am Bug, darunter einen deutlichen Riss, aber nicht bis zur Wasserlinie. Die „Svenja“, so der in blauer Schrift auf das weiße Boot geschriebene Name, war mit hoher Geschwindigkeit mit etwas kollidiert. Mit etwas, das mit grünem Lack bedeckt und von rötlichem Rost durchzogen war, denn beides fand die KTU reichlich in der offenen Wunde des Bootes.

Olufsen hatte eine Boje übersehen, könnte man meinen. Denn hier im nordfriesischen Wattenmeer standen die Schifffahrtszeichen dicht an dicht und waren überwiegend grün oder rot lackiert. Oder er war mit einem anderen Boot kollidiert. Aber das dunkle Grün passte nicht zu einer Boje. Und kein Boot hatte einen Zusammenstoß gemeldet. Wie auch! Die KTU war sich ganz sicher: Der Lack und die Rostpartikel stammten von einem Auto! Olufsens Jolle war den Spuren zufolge mit einer Geschwindigkeit von rund zwölf Knoten mit einem Volvo 850 Classic, Baujahr 1995, kollidiert. Also mit einem 22 Jahre alten Straßenfahrzeug.

Wann genau das passiert war, konnten die Kollegen aus der KTU nicht sagen. Olufsens Buchhalterin hatte ihren Chef vor fünf Tagen als vermisst gemeldet, als er am Montag nicht zur Arbeit kam und auch nirgendwo sonst zu finden war. Am Tag davor hatte man ihn zum letzten Mal gesehen. Da war er am frühen Vormittag bei mäßigem Wind vom Yachthafen Wittdün aus losgesegelt. Zum Angeln, wie er dem Hafenmeister im Vorbeigehen zugerufen hatte. Seither kein Lebenszeichen. Nur die beschädigte Jolle mit getrimmten Segeln, die sich auf der Sandbank schräg gelegt hatte, und die, wie es aussah, auf hoher See mit einem Volvo kollidiert war. Gefunden wurde sie gestern.

Petersens gerade etwas ratloser Blick glitt aus dem Fenster seines Büros im zweiten Stock des alten Patrizierhauses am Husumer Marktplatz, in das die Mordkommission der nordfriesischen Westküste schon vor zwei Jahren umgezogen war. „Nur vorübergehend“, wie es damals hieß, „während der bisherige Stammsitz abgerissen und neu gebaut wird“. Ein Regenschauer mit stürmischen Böen hatte gerade dicke Tropfen gegen die Scheibe geworfen, in denen sich jetzt glitzernd die durch die Wolkendecke dringenden Sonnenstrahlen brachen. Aprilwetter! Unten auf dem Marktplatz hatten, wie an jedem Samstag, die Händler ihre Buden aufgebaut. Frischer Fisch, frisches Fleisch, Wurstwaren, Bio-Produkte, Gemüse aus der Region, der erste Spargel aus Hattstedtermarsch. Auch warme Erbsen- und Gulaschsuppe für spontan hungrige Kunden, die sich so kurz nach dem Regenschauer aber erst spärlich wieder zwischen den Verkaufsständen eingefunden hatten.

Über dem Geschehen ragte mächtig die erst 1833 fertiggestellte Marienkirche auf. Sie war weit kleiner als ihr an gleicher Stelle errichteter Vorgänger aus dem 15. Jahrhundert mit seinem protzenden, fast 100 Meter hohen Turm. Doch sie war auf einem Podest über Straßenniveau errichtet und nicht nur dadurch immer noch von imposanter Größe. Die Kirche mutete von außen eher schlicht an – und auch von innen, wie Hark Petersen aus seinen seltenen, ausschließlich beruflich motivierten Kirchgängen wusste. In dieser Jahreszeit noch kahl und mit fast vollständig zum Stamm zurückgeschnitten Ästen standen die versetzt gepflanzten Bäume links und rechts der Kirche wie eine Gruppe schweigender, blickloser Riesen Wache.

„Merkwürdig“, dachte Petersen und holte Blick und Gedanken zurück in das stuckverzierte Zimmer mit seiner schlichten, gar nicht zu diesem prunkvollen Gebäude passenden Möblierung, die die Mordkommission aus ihrer bisherigen Schaltzentrale mit herüber genommen hatte.

Er griff wieder nach dem Untersuchungsbericht. War das wirklich ein Fall für die Mordkommission? Petersen war sich da nicht ganz sicher. Schließlich gab es keine Leiche, keine Zeugen, kein offenkundiges Motiv. Andererseits: Sven Olufsen war seit einer Woche nicht mehr gesehen worden, das beschädigte Boot deutete auf Fremdeinwirkung hin und die Sache mit dem Volvo war mehr als mysteriös. Außerdem war Sven ein Freund aus seinen Kindertagen, in denen er die Ferien und viele Wochenenden bei seiner Tante auf Amrum verbracht hatte.

Noch wichtiger war ihm allerdings seine Erinnerung an Svens Schwester Svenja, nach der Olufsen, ganz sicher, seine Jolle benannt hatte. Sie war der eigentliche Ankerpunkt der Freundschaft zu Sven in Kindertagen. Und sie war das erste Mädchen, in das Hark sich als Jugendlicher verliebt hatte. Noch heute spürte er eine unerfüllte Sehnsucht, wenn er an sie dachte. Was wohl aus ihr geworden war? Die Amrumer Kollegen hatten bereits alle greifbaren Verwandten zu Svens Verschwinden befragt. Der Name Svenja tauchte dabei nicht auf.

Er würde ermitteln, beschloss er.

„Wir werden ermitteln!“, sagte er dann laut zu seinem jungen Assistenten, der die ganze Zeit über schweigend, aber aufmerksam dagesessen hatte. „Ruf die Kollegen auf Amrum an, Leif! Wir kommen rüber.“

5

Die nur schwach leuchtende digitale Zeitanzeige am Arm zeigte 2:09 Uhr. Noch wenige Sekunden, dann würde das unauffällige, vor wenigen Tagen in die Überwachungsanlage des Inselparkplatzes eingeschleuste Programm die Kameras in eine Endlosschleife versetzen. Um diese Uhrzeit konnte das niemandem auffallen. Selbst wenn das Wachpersonal auf die Bildschirme schauen würde: Nachts gab es auf dem Inselparkplatz keinen Verkehr. Somit gab es auch keine Veränderungen vor der Kameralinse, die sichtbar gemacht hätten, dass sich die Bilder im 90-Sekunden-Takt wiederholten. Jetzt musste es soweit sein.

Langsam, fast unmerklich löste sich der schwarze Schatten aus dem Buschwerk, das den Inselparkplatz umgab. Wie eine Raubkatze, ganz nah am Boden, schob sich der dunkel gekleidete, athletische Körper zwischen der ersten Autoreihe hindurch, glitt lautlos über die freie Fläche zur nächsten Autoreihe, durch sie hindurch und nochmals als lautloser Geist über eine Freifläche. Dann hatte er sein Ziel erreicht. Ohne das mit dunkler Farbe bestrichene Gesicht dem Licht der Laternen zuzudrehen, schob die Gestalt einen Schlüssel ins Schloss eines alten grauen VW Polo.

Lautlos öffnete sich die wenige Tage zuvor sorgsam geölte Fahrertür. Ein schneller Griff entriegelte die hintere Tür und machte den Weg frei zu einem kleinen, aber offenkundig dennoch sehr schweren Päckchen, das die Gestalt hinter dem Beifahrersitz hervorzog. Eine Sekunde später war der Polo wieder verschlossen. Genauso lautlos, wie er geöffnet worden war.

Ohne aus den Schatten aufzutauchen, schmiegte sich die Gestalt an den Mercedes, der direkt neben dem Polo stand. Einige schnelle Handgriffe, dann glitt auch dessen Tür lautlos auf. Der dunkle Schatten schob sich in das geräumige Innere des Wagens, tauchte kurze Zeit später ohne das Päckchen wieder daraus hervor. Mit einem feinen Klick schloss sich die Beifahrertür.

Die Gestalt huschte in das Buschwerk zurück, aus dem sie gekommen war. Wieder ein Blick auf die Digitalanzeige am Arm: 2:27 Uhr. In dreizehn Minuten würden sich die Überwachungskameras wieder in den Normalmodus zurückschalten. Das Schadprogramm würde sich selber löschen. Der schwarze Schatten tauchte mit einem befriedigten Lächeln zurück in die Dunkelheit.

6

Einen Hubschrauber wollte die Einsatzleitstelle ihnen nicht schicken.

„Keine Eile, keine Gefahr im Verzug, nehmt gefälligst die Fähre“, hatten die Kollegen zu Leif Hansen gesagt.

So raste Leif jetzt mit Hauptkommissar Hark Petersen auf dem Beifahrersitz im Dienst-BMW der Mordkommission über die schmalen, kurvigen Straßen des Sönke-Nissen-Kooges. Die wenigen Frosttage des letzten Winters hatten sie an vielen Stellen aufgerissen. Petersen genoss die Fahrt durch diesen erst in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts besiedelten Koog immer wieder. Vor allem die Häuser, Gutshöfe und Stallungen mit ihren einheitlich hellgrünen Dächern hatten es ihm angetan. Die Dächer waren das „Markenzeichen“ der hier angesiedelten fast dreißig Höfe, von denen auch heute noch ein knappes Dutzend als Vollerwerbsbetriebe bewirtschaftet wurden.

Ein unglaublich breiter Traktor mit noch breiterem Anhänger kam ihnen entgegen. Er nahm weit mehr als die Hälfte der Straße ein. Leif verringerte das Tempo erst kurz bevor sie ihn erreichten, dafür aber sehr abrupt. Petersen wurde in seinen Gurt gedrückt, während der Wagen auf dem Seitenstreifen fast vollständig zum Stillstand kam. Kaum war der Traktor vorbei, trat Leif das Gaspedal völlig unbeeindruckt wieder durch und setzte die rasende Fahrt fort.

„Ganz ruhig“, sagte Petersen ihm. „Wir haben noch mehr als genug Zeit bis zur Abfahrt.“

Doch Leif genoss seine Jugend und seine Fahrkünste, und Petersen ließ ihn mit verständnisvollem Lächeln gewähren. Der junge Polizist musste ja schließlich hin und wieder mal für Verfolgungsjagden trainieren. Auch wenn es Petersen lieber war, wenn er das ohne ihn im Wagen tat.

Mit kreischenden Reifen bog der BMW nach links ab in Richtung Hauke-Haien-Koog, der im Gegensatz zum gerade durchquerten Sönke-Nissen-Koog noch in großen Teilen der Natur überlassen war. Links auf dem hohen, wehrhaften Deich grasten Schafe. Zwischen ihnen die ersten neugeborenen Lämmer des Jahres. Rechts war der flache See des Koogs von Gänseschwärmen bevölkert, die hier im April ideale Rast- und Futterflächen auf ihrem Weg in den Norden fanden.

„Sven und Svenja“… Petersens Gedanken schweiften zurück in seine Kindheit, in der er mit seinen Eltern regelmäßig Tante Lizzy auf Amrum besucht hatte. Lizzy hieß eigentlich Elizabeth. Mit „z“. Benannt nach der britischen Königin, die wenige Tage vor Lizzys Geburt den Thron von England bestiegen hatte. Er, Sven und Svenja hatten in den Ferien oft miteinander gespielt. Die beiden wohnten ebenfalls in Nebel, nur ein paar Häuser weiter in Richtung Ortskern. Er hatte Sven schon mit vier Jahren auf dem Spielplatz kennengelernt. Oder eigentlich erst einmal Svenja: Der eher nach innen gekehrte Sven war bei der kontaktfreudigen Svenja im Schlepptau dabei.

Doch wie herum auch immer: Sven und Svenja gab es ausschließlich im Zweierpack. Hark und sie waren im selben Jahr geboren. Und bis sie 14 Jahre alt waren, hatten sie sich regelmäßig getroffen, wenn Hark Tante Lizzy auf der Insel besuchte. Weihnachten, Ostern, in den Sommerferien und, wenn es ging, auch immer zum Biikebrennen im Februar.

Doch dann – sie war gerade erst 14 geworden, er schon ein paar Monate länger 14 Jahre alt – war es zwischen ihm und Svenja plötzlich ganz anders gewesen. Sie beide teilten beim Biikebrennen an einem kleinen Nebenfeuer ihr erstes Bier, hielten sich an den Händen, schauten sich in die Augen, umarmten sich. Ein erster Kuss? Doch kurz bevor ihre Lippen sich berührten, sprang Sven mit geballten Fäusten zwischen sie, schubste sie brutal auseinander. Mörderische Wut funkelte in seinen Augen, er knurrte etwas Unverständliches, das deutlich machte: „Wage es ja nicht“.

„Wie von Sinnen“, dachte Hark damals.

Svenja wandte sich entsetzt ab, Hark verzog sich rüber auf die andere Seite des lodernden Feuers zu seiner Familie.

Danach wurde alles anders. Hark hielt sich von „Sven und Svenja“ fern, auch wenn er noch lange mit verliebter Sehnsucht an Svenja dachte und sie noch über Monate seine Tagträume bestimmte. Die Mutter der beiden starb kurz darauf bei der Geburt ihrer jüngsten Tochter Christine, was die Stimmung in ihrer Familie grundlegend veränderte. Und wenig später hörte Hark dann auch auf, mit seinen Eltern in den Urlaub zu fahren. Tante Lizzy sah er für die nächsten Jahre nur noch an den Geburtstagen, an Ostern und an Weihnachten, wenn wenig Zeit für anderes war. Stattdessen ging es in den Ferien mit der Jugendgruppe zum Skifahren, in späteren Jahren mit Freunden in den Süden – und erst ab Anfang zwanzig, sehr früh schon mit eigener Familie, auch mal wieder und dann immer öfter zu Tante Lizzy.

Während Hark Petersen seinen Gedanken nachhing, hatte sein Assistent den Polizei-BMW am Fährhafen Schlüttsiel vorbei bis zum Fährhafen Dagebüll-Mole gelenkt.

„Einen Auto-Platz auf der Fähre habe ich nicht mehr bekommen“, unterbrach Leif zum ersten Mal seit ihrer Abfahrt das Schweigen und die Gedanken seines Chefs. „Wir müssen als Fußgänger an Bord; die Amrumer Kollegen holen uns am Anleger Wittdün ab.“

Eine Fähre war vor wenigen Minuten angekommen, ihnen selbst blieb aber noch fast eine Stunde, bis das Schiff nach Amrum ablegen würde. Mit leichten Bewegungen steuerte Leif den Wagen auf den Inselparkplatz unweit des Fähranlegers. Hier parkten die Bewohner von Föhr und Amrum ihre Fahrzeuge, wenn sie sich die teure Überfahrt auf ihre Insel sparen wollten oder keinen Platz mehr auf der Fähre ergattert hatten, und hier parkten die Feriengäste aus eben denselben Gründen. Jetzt, Mitte April, war der Inselparkplatz zu kaum mehr als der Hälfte belegt.

Die ersten Fahrgäste der gerade eingetroffenen Fähre hatten bereits ihre Autos erreicht und waren dabei einzusteigen. Leif fuhr auf einen freien Parkplatz gleich in der Nähe der Einlassschranke und stoppte den Motor. Fast zeitgleich öffneten Petersen und er die Türen. Im selben Moment traf sie ein greller Blitz. Eine gewaltige Detonation durchschnitt die Luft, schlug die gerade geöffneten Autotüren gegen ihre Arme und sie zurück in ihre Sitze. Direkt vor ihnen, keine 15 Meter entfernt, war ein Auto explodiert.

Für einen Moment waren Leif und Petersen wie gelähmt; die Arme schmerzten vom Aufprall auf die Autotüren, die Ohren dröhnten. Dann sprangen beide fast gleichzeitig aus dem Wagen. Sie hatten, typisch Polizei, mehr oder weniger unbewusst registriert, dass jemand in das Auto gestiegen war, das gerade in die Luft gegangen war. Sie rannten hinüber, doch schon in fünf Meter Entfernung hielt die Hitze des brennenden Fahrzeugs sie von einer weiteren Annäherung ab.

Petersen zückte sein Smartphone und wählte mit zitternden Fingern die 112 für die Feuerwehr – und für den Rettungswagen, von dem er sich angesichts des Flammeninfernos aber nur noch wenig erhoffte. Dann wählte er die Nummer der KTU, denn schon jetzt bestand kein Zweifel daran, dass dies hier kriminaltechnisch zu untersuchen sein würde.

„Stell den Halter fest“, raunte er dem ebenfalls noch zitternden Leif Hansen zu. Der griff mit ausdrucksloser Miene zum Handy und gab den Kollegen das Autokennzeichen durch.

Die Antwort kam nach nur einer Minute: „Olufsen“; „Lars Olufsen“.


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